Herr Prof. Dr. Leipold: Womit befasst sich die Ordnungs- und Institutionenökonomie aktuell?

Wir beschäftigen uns wissenschaftlich mit folgenden aktuellen Herausforderungen:

  • Warum kam es 2007 zur Banken- und Finanzkrise, die die Weltwirtschaft an den Rand des Abgrunds führte?
  • Warum ist die Staatsverschuldung in den letzten Jahrzehnten beängstigend angestiegen bis hin zum Staatsbankrott einzelner Länder?
  • Warum erreicht die Jugendarbeitslosigkeit z.B. in südeuropäischen Ländern fast die 50-Prozent-Marke?
  • Warum können die Gewinne von Konzernen wie auf einem globalen Monopoly-Brett verschoben und die Steuerlasten dadurch minimiert werden?
  • Ist Religion förderlich oder behindernd für die Entwicklung von Wirtschafts- und Gesellschaftsordnungen (z.B. Islam)?
  • Warum herrscht in großen Teilen der Welt nach wie vor Armut und Hunger?
  • Warum grassiert in vielen Ländern in Staat, Justiz und Wirtschaft noch die Korruption?
  • Welche Lasten kommen in Verbindung mit demografischen Problemen auf die nächsten Generationen zu?

Herr Prof. Dr. Leipold: Was ist Ordnungs- und Institutionenökonomie, was ist darunter zu verstehen?

Allgemein ist es die Wissenschaft von der Analyse und dem Vergleich alternativer Wirtschafts- und Gesellschaftsordnungen und deren Auswirkungen auf die wirtschaftlichen und sozialen Lebensprozesse und Lebensbedingungen.

Dies betrifft die Gesamtheit der politisch bewusst gesetzten, aber auch der gewachsenen Regeln (formale und informale Institutionen) des wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und politischen Zusammenlebens. Die wirklichen Hindernisse und Probleme finden so ihren Einstieg in die Institutionenökonomie. Entsprechend aufwendig sind deshalb Antworten auf die vorangestellten Fragen. Ordnungs- und Institutionenökonomie wurde früher auch als Ordnungstheorie bezeichnet.

Herr Prof. Dr. Leipold: Ist die Ordnungstheorie ein neuer Ansatz in den Wirtschafts- und Gesellschaftswissenschaften?

Nein. Ausgehend von der Weltwirtschaftskrise Ende der zwanziger Jahre des letzten Jahrhunderts und dem Aufkommen totalitärer Herrschaftssysteme und Ideologien (Nationalsozialismus, Kommunismus) richtete sich der wissenschaftliche Fokus auf die Erklärung und Begründung einer menschenwürdigen, freien, produktiven und gerechten Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung. Dazu galt es, zunächst die Mängel der tradierten Ordnungen und deren theoretische Grundlagen zu analysieren und zu vergleichen. Es wurde dadurch ein Fundament für die allgemein gültige Begründung erfolgversprechender Regeln, Vorgaben und formaler Gestaltungen abgeleitet. Zusammenfassend bezeichne ich dies als Ordnungsbedingungen.

Herr Prof. Dr. Leipold: Mit welchen Personen ist die skizzierte Entwicklung verbunden

Der zweite Bundeskanzler der BRD, Ludwig Erhard, gilt wohl national und international als bekanntester Vertreter ordnungspolitischen Denkens. Er war Ende der 40er Jahre des vergangenen Jahrhunderts maßgeblich an der politischen Umsetzung sowie der praktischen Gestaltung der sozialen Marktwirtschaft beteiligt. Sie hat sich als erfolgreiche Wirtschaftsordnung erwiesen. In Deutschland wird die Ordnungstheorie hauptsächlich mit der ordoliberalen Schule identifiziert. Als ihre Begründer sind hervorzuheben: Walter Eucken, Franz Böhm, Alexander Rüstow, Wilhelm Röpke und Alfred Müller-Armack. Diese Vertreter gelten zugleich als die geistigen Väter der ordnungspolitischen Konzeption der sozialen Marktwirtschaft.