Doris und Dr. Michael Hagemann: Welche Anliegen verfolgen Sie mit der Errichtung einer Stiftung, die ordnungs- und institutionenökonomische Ziele hat?

Als Stifter haben wir vielfältige Überlegungen angestellt, in welcher Weise wir das im Laufe unseres Lebens Erarbeitete nach unserem Tod übertragen können. Kinder als „natürliche“ Erben haben wir leider nicht. Die soziale Marktwirtschaft hat es uns ermöglicht, ein interessantes und vielseitiges Berufsleben zu durchlaufen. Wir konnten damit die materielle Grundlage für die Tätigkeit der Stiftung schaffen. Dieses System – eingebunden in eine freiheitliche Gesellschaftsordnung – hat sich für uns als die Ausgangslage des erreichten Erfolgs erwiesen. Die Stiftungsgründung ist somit auch dankbares Zeichen für Chancen, Förderung und Herausforderungen, die uns das Leben in unserer Gesellschaft geboten hat.

Die Stiftungsarbeit gilt es zu erweitern und auszubauen. Mit Blick auf den Stiftungszweck liegt unser Anliegen deshalb auch darin, die institutionellen Grundlagen und Rahmenbedingungen unserer Gesellschaft mit wissenschaftlichen Methoden kritisch zu hinterfragen, konzeptionell fortzuentwickeln und die faktische Relevanz von Regeln zu überprüfen.

Doris und Dr. Michael Hagemann: Was ist darunter zu verstehen?

Ordnungsökonomische Strukturen bedingen das Zusammenspiel in unserer Gesellschaft viel tiefgreifender, als uns dies gemeinhin bewusst ist. Wir haben deshalb sehr absichtlich die drei Begriffe: Freiheit – Ordnung – Wirtschaft im Untertitel der Stiftung gewählt. Sie sind gleichbedeutend und gleich wichtig. Eingriffe ins System können die Ordnung, den Rahmen oder die Freiheitsrechte tangieren. Man kann das mit einem mechanischen Uhrwerk vergleichen: Wird an einzelnen Stellschrauben oder dem Ineinandergreifen von Zahnrädern auch nur ein Teil verändert, so ist der einwandfreie Lauf des Ganzen verändert, behindert oder gestört. So verhält es sich auch mit veränderten „Stellschrauben“ z.B. im Steuer- oder Gesundheitssystem. Oftmals sind die systemeingreifenden Maßnahmen durch Politiker veranlasst, denen die ordnungspolitische Konsequenz vermeintlich gut gemeinter Reformansätze nicht unmittelbar einleuchtet. Und wenn dann die öffentliche Kontrolle und Sanktionierung unterbleibt, kann es in der Folge für die Menschen zu Einschränkungen ihrer Teilhabe im Gesellschaftssystem kommen. Insoweit geht es hier um demokratische Grundwerte, auf die wir immer wieder neu und vernehmbar hinweisen werden.

Doris und Dr. Michael Hagemann: Wie erreichen Sie das?

Wir veranstalten Vorträge und Diskussionen zu aktuellen Themen, etwa zu der Euro-Schuldenkrise, der sog. Arabellion oder der Gesundheitssystemdebatte, mit Experten und interessierten Zuhörern. Das ordnungspolitische Grundmuster wird jeweils auf die Themen zentriert. Bisher hat das zu überaus erfolgreichen und interessanten Veranstaltungen geführt.

Überdies wird jährlich der „MACIE-Preis“ ausgereicht, der ausgezeichnete ordnungs- und institutionenökonomische Leistungen in den Abschlussarbeiten der Bachelor- und/oder Masterstudiengängen im Fachbereich Wirtschaftswissenschaften an der Philipps-Universität Marburg belohnt.

Uns fallen mühelos viele weitere Möglichkeiten der Betätigung ein. Die ordnungspolitische Frage der Knappheit grenzt jedoch direkt hier die Wünsche und Vorhaben ein. Genau aus diesem Grund werben wir weiterhin unverdrossen um Spenden und Zustiftungen. Wir meinen, jeder Euro ist sehr willkommen und für einen guten Zweck gestiftet!

Dr. Michael Hagemann: Warum erfolgt die Zuwendung der Stiftung zur Förderung der Ordnungs- und Institutionenökonomie insbesondere an die Philipps-Universität Marburg?

Die Universität Marburg hat eine lange ordnungspolitische Tradition. Prägend wirkte vor dem zweiten Weltkrieg bis 1933 der Wissenschaftler Prof. Dr. Wilhelm Röpke. Nach dem Ende des Krieges setzte mein akademischer Lehrer, Herr Prof. Dr. Karl Paul Hensel, dieses Ordnungsdenken fort. Er überführte hierzu die in Freiburg 1954 gegründete Forschungsstelle zum Vergleich wirtschaftlicher Lenkungssysteme im Jahr 1957 nach Marburg. Seit 2007 ist daraus das Marburg Centre for Institutional Economics (MACIE) entstanden. MACIE bündelt die Forschungsaktivitäten des Fachbereichs Wirtschaftswissenschaften in der Institutionenökonomie.

Prof. Dr. Karl Paul Hensel hat mir über die Einführung in die Ordnungsökonomie einen grundlegenden Beitrag zur erfolgreichen Tätigkeit in meinem Beruf gegeben. Eine eher zufällige Begegnung in 1968 mit ihm wurde damit prägend für die Gestaltung meines Lebensweges. Ich bin dankbar für richtungsweisende Impulse und die Schulung in ordnungspolitischen Denkstrukturen durch einen beeindruckenden Menschen und Wissenschaftler, der mein Doktorvater war.